Montag, 14. Juni 2010

So ein Sommer


Der fröstelnde Frühling scheint ansatzlos in den Hochsommer übergegangen zu sein, deutsche Politiker demonstrieren mit Äußerungen wie “Wildsau” und “Gurkentruppe” ihre Kenntnisse von Fauna und Flora, am Arbeitsplatz köchele ich bei kommoden 30 Grad Raumtemperatur leise vor mich hin und die Fußballweltmeisterschaft könnte für viele vorzeitig zu Ende sein, weil das fortwährende Tröten tausender Vuvuzelas einem das Hirn erweicht und man ihm weder im Radio noch im Fernsehen entkommen kann.
Aber vielleicht ist das alles ja ein riesiges Ablenkungsmanöver, denn inzwischen sind die Meldungen über den Tod junger deutscher Soldaten in Afghanistan nichts mehr für die erste Seite und kommen in den Radionachrichten erst nach den NRW-Querelen bei der Regierungsbildung. Und für Fragen, wieso denn unsere jungen Leute sich in der Fremde töten lassen, wird schon gar kein unschuldiges Druckpapier verschwendet …
Ich habe auch keine Lösung für komplexe weltpolitische Probleme, aber ich fühle mit jedem Vater und jeder Mutter, die den Tod ihres im fernen Land umgekommenen Kindes beweinen oder bangen, ob es unversehrt wieder nach hause kommt. Wie weit war der Weg von “Kein Deutscher wird je wieder ein Gewehr in die Hand nehmen” bis zur “Erfüllung der Bündnispflichten”?
Was für ein Sommer.

Donnerstag, 10. Juni 2010

Blaubeerkuchen und Norah Jones


Wenn die Schöneberger trällert "Jetzt singt sie auch noch ...!" müsste man wohl von Norah Jones sagen "Jetzt schauspielert sie auch noch!" Hat sie wohl auch selbst zunächst gedacht, denn es geht die Legende, sie habe auf Wong Kar Wei's Ansinnen, in seinem Film mitzuspielen gefragt, ob er nicht ihre Videos kenne und wisse, wie unbeholfen sie vor der Kamera sei. Das sei nicht unbeholfen sondern natürlich, habe dieser geantwortet und viel Widerstand hat dann Frau Jones offenbar nicht mehr geleistet.
Aber allen Skeptikern sei gesagt, dass hier nur einmal mehr deutlich wird, welch verschwenderischen Tag der liebe Gott hatte, als er Norah Jones schuf. Jetzt schauspielert sie auch noch - und wie!
In "My Blueberry Nights", einem atmosphärisch dichten Film, der doch nie in die Schnulze abkippt, mit betörenden Bildern - zwischen leuchtendem New Yorker Neon und unglaublichen amerikanische Weiten - und einem Soundtrack, der gleichsam aus den Bildern geboren zu sein scheint (und den anzuhören im Moment mein größtes Vergnügen ist) sieht sie aus, als habe sie noch nie etwas anderes gemacht.
Wong Kar Wei lässt dem Zuschauer viel Zeit, in Großaufnahmen Gesichter als lebendige Landschaften zu entdecken und zeigt die Schönheit des Einfachen, fast schon Minimalistischen.
Als vom Freund für eine andere verlassene Elizabeth nimmt Norah Jones den denkbar längsten Weg, um von einer auf die andere Straßenseite zu kommen - ein ganzes Jahr lang quer durch die USA. Um schließlich dort zu landen, wo sie gestartet ist - in einem kleinen New Yorker Café und beim schönsten Kuss, den ich je in einem Film gesehen habe (aber ich bin ja auch ein bekennender Vanilleeis-Liebhaber ;-)  )
Lust auf mehr? Es lohnt sich auf jeden Fall, zumal Jud Law, Natalie Portman und Rachel Weisz das ihre tun, um die erzählten Geschichten ganz nach innen gelangen zu lassen und noch lange nach Verlassen des Kinosessels ein Lächeln auf's Gesicht zu zaubern.

CERN, Weltuntergang und Übergewicht


Der Tag fing schon so komisch an. Auf den Straßen wurde gefahren, als wollten alle dem Jüngsten Gericht entkommen - Spurwechsel ohne Blinken, über die Kreuzung bei Dunkelorange - und der Fahrer der Straßenbahn, hinter der ich mit tremolierendem Gaspedal wartete, öffnete tatsächlich noch einmal die schon verschlossene Tür für einen rastalockigen Johannes-der-Täufer-Verschnitt.
Alles sehr merkwürdig.
Wie anders soll aber auch ein Tag beginnen, der in die Geschichtsbücher unserer nächsten kosmischen Nachbarn eingehen wird als der Tag, an dem die Menschheit den Knopf für den Selbstzerstörungsmechanismus drückte?
Zumindest hält das die eine Hälfte von Bloggern und Kommentarschreibern im Internet für das unausweichliche Ende der heute am CERN begonnen Experimente. Schwarze Löcher werden beim Zusammenprall der Protonenstrahlen, die wie auf der Flucht vor der Schwiegermutter mit irrsinniger Geschwindigkeit durch die Röhre des Large Hadron Colliders bei Genf rasen, entstehen und alle Materie, derer sie habhaft werden können, verschlingen! Erst Genf, dann die Schweiz (zum Glück hab' ich kein Nummernkonto dort) dann Europa und schließlich die ganze Erde (hat es doch nichts gebracht, meine Millionen in Dagobert-Duck-Manier im Keller zu lagern).

Während die andere Hälfte der Internetkommentatoren kritiklos den vermeintlichen wissenschaftlichen Fortschritt beschwört, sind ernstzunehmende Stimmen in der Kakophonie aus Verschwörungstheorien, Gottesbeweisen und -widerlegungen, Beschimpfungen und Belegen dafür, dass der geistige Horizont durchaus auch unterhalb des Meeresspiegels liegen kann, kaum zu hören.
Was für ein Chaos in den Köpfen! Allein auf der Website der Baseler Zeitung schreien über 500 Leser durcheinander. Und dabei ist beim CERN ersteinmal nur der teuerste Rummelplatz der Welt mit nur einem Karussel zu sehen: ein paar Protonen, denen vom ewigen im Kreis herum fahren sicher bald schlecht wird. Nicht auszudenken was passiert, wenn dort wirklich was passiert.
Schwarze Löcher, dunkle Materie und Antimaterie - mich interessiert an all dem nur eines: das sogenannte Higgs-Teilchen oder Higgs-Boson, dessen Existenz bisher nur theoretisch ist, ohne das aber eigentlich nicht erklärt werden kann, wieso Materie überhaupt Masse besitzt.
Den Beweis für die Existenz dieses Teilchens zu finden ist das vordringliche Geschäft des CERN-Experiments im LHC. Denn endlich würde es einen wissenschaftlich fundierten Weg geben, mit all den überflüssigen Pfunden fertig zu werden, die die Menschheit mit sich herum trägt. "Kommen Sie zu uns, wir entfernen Ihre Higgs-Teilchen! Sie verlieren in Sekundenbruchteilen Ihre lästige Masse! Die CERN-Diät nach Dr. Higgs - im ganzen Universum unerreicht!" Da sind doch die 3 Milliarden Euro für den Teilchenbeschleuniger wirklich gut angelegt. Und sollte es doch nichts werden mit der schnellen Gewichtsreduktion, dann stürze ich mich eben in das nächste schwarze Loch - das ist wenigstens eine endgültige Lösung.